Die Wasserwaage des Ofensetzers

Ein Ofenbauer-Werkzeug auf Zeitreise

Ofenbauer Hafner

Ofenbauer Hafner

Vor ein paar Wochen lernte ich auf einer Claytec-Schulung den schwäbischen Lehmbauer und Ofensetzer Bruno Hafner kennen. Nachdem ich den Seminarteilnehmern, allesamt Claytec-Handwerkspartner und -Partnerhändler aus Süddeutschland, eine kurze Beschreibung meiner Social Media Arbeit im Unternehmen gegeben hatte, war Hafner derjenige, der in unnachahmlich schwäbisch-pragmatischer Art die entscheidende Frage stellte: „Ond was hend mir edzad drvo?“, also sinngemäß etwa: „Und was bringt uns das?“.

Beim Rotwein am Abend erwies sich Hafner als der erwartet anregende Gesprächspartner. Dass der Mann seine Berufsbezeichnung schon im Nachnamen mit sich trägt (Hafner=Ofensetzer), schien mir immer weniger ein Zufall zu sein, angesichts des Ausmaßes an Herzblut und Begeisterung, das sich in den Erzählungen Bruno Hafners über seine Arbeit als Lehmbauer und Ofensetzer widerspiegelte. Unter den vielen Geschichten, die ich an dem Abend zu hören bekam, ist mir eine besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben.

An einer Ofen-Baustelle Hafners erschien eines Tage ein älterer Herr und sah dem Ofensetzer und seinen Leuten bei der Arbeit zu. Jeden Tag kam der alte Mann zur Baustelle, man erzählte ein wenig und der Besucher beobachtete interessiert die Fortschritte beim Bau des Lehmofens. Als der Ofen schließlich fertig war, ging der Mann zu Bruno Hafner und überreichte im ein kleines Päckchen. „Weil Ihr diesen Ofen so schön gebaut habt, wie ich das zuletzt in meiner Kindheit erlebt habe, denke ich, die ist bei Euch in den richtigen Händen“.

Ein alter Apfelbaum

Ein alter Apfelbaum

Das Geschenk entpuppte sich als kleine Wasserwaage, wie sie die Ofenbauer benutzen, ein schönes, älteres Modell, voll funktionsfähig. Dazu erzählte der Mann, wie er, etliche Jahre zuvor, in den Besitz des Werkzeugs gekommen war. Als er noch ein Kind war, gab es fahrende Ofenbauer, die von Haus zu Haus zogen und ihre Dienste anboten. Damals hatte fast jeder Hof im Schwabenland einen Kachel- oder Lehmofen. Da fielen Reparaturen an, gelegentlich musste ein Ofen umgesetzt werden. Dafür waren die fahrenden Ofensetzer zuständig. Auch zum elterlichen Hof unseres kleinen Jungen kam eines Tages solch ein Ofenbauer und machte seine Arbeit.

An diesen Ofensetzer musste der Junge von damals immer wieder denken, als er -zig Jahre später dem Ofenbauer Hafner bei der Arbeit zuschaute. Als der fahrende Handwerker damals mit seiner Arbeit fertig war, schnürte er sein Bündel und machte sich daran, seine Wanderung fortzusetzen. Er ging davon, quer über eine Obstwiese, fiel jedoch nach einigen Schritten um. Aus heiterem Himmel hatte ihn der Schlag getroffen, und nun lag er tot unterm Apfelbaum. Als man den Leichnam weggebracht hatte, sah der Junge unter dem Apfelbaum ein kleines Ding im Gras liegen. Er hob es auf und steckte es in seine Tasche. Es war die Wasserwaage des Ofensetzers.

Foto Apfelbaum: Hans Pfeffer (www.bannmuehle.de)

1 Kommentar

Lina Bauer

Tja, so kann es gehen. In der Zwischenzeit wurden im Ofenbau die modernsten Materialien verwendet. Und heute kommt man wieder auf den Lehm zurück und baut ganze Häuser damit.

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