„Meine alte Maurerkelle habe ich noch“ – eine Begegnung mit Hannah Schreckenbach

von Dieter Mai am 18.07.2012
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Die Architektin Hannah Schreckenbach ist eine der markantesten Protagonistinnen der Lehmbau-Renaissance in Deutschland. Bei unserer Begegnung in ihrer Heimatstadt Magdeburg traf ich auf einen außergewöhnlichen Menschen mit einer faszinierenden Biografie.

Hannah Schreckenbach im Sommer 2012  am Magdeburger Dom

Hannah Schreckenbach im Sommer 2012 am Magdeburger Dom

Professionalisierung statt Idealisierung

Beim Dachverband Lehm e.V., den Hannah Schreckenbach 1992 gemeinsam mit dem Verbandsvorsitzenden Dr. Horst Schröder, Claytec-Inhaber Peter Breidenbach und Anderen ins Leben rief, ist der fachliche Rat seiner Mitbegründerin heute gefragt wie eh und je. Ihr Credo: „Lehm ist ein Baustoff.“ Dieser müsse gleichwertig mit anderen Baumaterialien betrachtet werden – durchaus unter Hervorhebung seiner Stärken in puncto Ökologie und Wohngesundheit aber auch ohne verklärende Idealisierung. Peter Breidenbach habe das seinerzeit als einer der Ersten erkannt und für seine unsentimentale und pragmatische Betrachtungsweise teilweise herbe Kritik aus der alternativen Lehmbauer-Szene der frühen Tage einstecken müssen. Umso höher sei seine Leistung zu bewerten, die Produktion und den Vertrieb von Lehmbaustoffen konsequent auf ein zuvor nicht dagewesenes Level der Professionalität gehoben zu haben. Hannah Schreckenbach selbst bezieht ihren Wissensschatz in Sachen Lehm aus reichhaltigen Erfahrungen mit der Anwendung, Technik und Gestaltung in so unterschiedlichen Lehmbautraditionen wie denen Mitteldeutschlands und des westafrikanischen Staates Ghana, wo sie mehr als 20 Jahre ihres Lebens verbrachte.

Erst einige Wochen vor unserem Treffen hat Hannah Schreckenbach ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert, dennoch existiert der Begriff „Ruhestand“ in ihrem Sprachgebrauch nicht. „Jeder Tag zählt. Ich genieße mein Leben mehr als je zuvor“, erklärt sie und blickt aus hellwachen Augen. Gleich an zwei neuen Buchprojekten arbeitet sie in diesen Tagen. Sie engagiert sich im Förderverein Dom zu Magdeburg e.V., ist aktives (und ältestes) Mitglied in der Architektenkammer Sachsen-Anhalt und tritt als Referentin und Moderatorin auf Tagungen und Fachveranstaltungen auf. Im Dachverband Lehm e.V, dessen Öffentlichkeitsarbeit sie maßgeblich mit aufbaute, ist sie ehrenamtlich weiterhin stark engagiert. Geschätzt wird dort insbesondere ihre Gabe zum ausgleichenden Wirken in Konfliktsituationen.

Aufbau braucht Expertenwissen

„Das ist Afrika!“ – in der Stimme des überaus zuvorkommenden und gewitzten Kellners mit der modisch-akkuraten Dreadlock-Frisur ist das Erstaunen unüberhörbar. Was hat die freundliche ältere Dame, der er schon so oft ihren Kaffee servierte, mit der Heimat seiner Eltern zu schaffen? Hier im Restaurant „Bralo House“ am Magdeburger Domplatz gibt es für Hannah Schreckenbach nicht oft einen Anlass, über die lange vergangene Zeit zwischen 1960 und 1982 zu berichten, die sie in Ghana verbrachte. Jetzt aber skizziert sie für den Besucher vom Niederrhein die Umrisse des Kontinents und die Lage des westafrikanischen Staates mit Kugelschreiber auf einem weißen Blatt, gerade als der Restaurant-Angestellte an diesem heißen Junitag einmal mehr die Getränke nachfüllt.

„We need experts, Hannah!“ – an diese Worte ihres ghanaischen Kommilitonen, ausgesprochen in London im Jahr 1960, erinnert sich Hannah Schreckenbach noch heute. Zwar fühlte sich die frisch ausgebildete Architektin damals noch nicht wirklich als „Expertin“, trotz eines eben absolvierten Postgraduierten Studiums in Townplanning an der London University, aber die Eloquenz mit der ihr Mitstudent sie ermunterte, ihre neu erworbenen Fähigkeiten in den Dienst des Aufbaus des erst drei Jahre zuvor unabhängig gewordenen afrikanischen Staates zu stellen, blieb nicht ohne Wirkung auf die junge Frau aus Deutschland. Ihr daraufhin gefasster Entschluss sollte einem an Umbrüchen bis dahin schon nicht armen Leben eine weitere entscheidende Wendung bringen.

Erregte die Aufmerksamkeit des Kellners: Hannah Schreckenbachs beiläufige Skizze zur geografischen Lage Ghanas, der Hauptstadt Accra und der nördlichen Landesteile

Erregte die Aufmerksamkeit des Kellners: Hannah Schreckenbachs beiläufige Skizze zur geografischen Lage Ghanas, der Hauptstadt Accra und der nördlichen Landesteile

Improvisation und Tradition

Dass Hannah Schreckenbach später einmal vor der Wahl „London oder Accra“ stehen würde, war wenige Jahre zuvor noch nicht in Ansätzen vorstellbar.  Nach dem Abitur absolvierte sie in Magdeburg zunächst eine Maurerlehre. Der Zugang zu einer akademischen Karriere blieb ihr, deren  Vater als Bürgerlicher der „falschen“ Klasse angehörte, in der DDR der Nachkriegsjahre zunächst versagt. Im Bauhandwerk war  die Situation vom Rohstoffmangel geprägt, gefragt war die Fähigkeit zur Improvisation. Zement gab es praktisch nicht, andere Bau-Grundstoffe wie etwa Kalk, der vielfach auf der Baustelle selbst gelöscht wurde, waren streng rationiert. Karbidschlamm musste als Mörtel herhalten, Trümmer-Bausteine waren ein begehrter Rohstoff. „Da konnte es vorkommen, dass man einen 500 Jahre alten Tonziegel in der Hand hielt und wiederverarbeitete. Das fand ich faszinierend“, berichtet Hannah Schreckenbach. Der kreative Umgang mit dem Mangel und der Zwang zur Improvisation, sagt sie, sei ihr später in Afrika sehr zu Gute gekommen.

Die chronische Materialknappheit hatte, neben dem Zwang zum Improvisieren, einen weiteren Effekt: Traditionelle Bautechniken nahmen einen vergleichsweise hohen Stellenwert ein. Hannah Schreckenbach erinnert sich: „Das Bauen mit Lehm als dem frei verfügbaren Rohstoff schlechthin war ein wesentlicher Bestandteil meiner Ausbildung. Wie sehr der Lehmbau in Mitteldeutschland historisch verwurzelt ist, sieht man auch daran, dass sich hier regional unterschiedliche Varianten der Verwendung von Lehm als Baustoff entwickelten. Während man in Thüringen heute noch viele Wellerlehmbauten findet, waren in Sachsen-Anhalt und in der Altmark der Stampflehmbau und das Bauen mit ungebrannten Lehmsteinen eher verbreitet.“ Wie wichtig das in diesen frühen Jahren Erlernte für die später so erfolgreiche Stadtplanerin und Architektin heute noch ist, lässt ihre nächste Bemerkung erahnen:  „Meine alte Maurerkelle habe ich noch“.

Im Anschluss an die Lehre studierte Hannah Schreckenbach bis 1955 Architektur an der Technischen Hochschule in Dresden. Noch größer als ihr Bildungshunger war jedoch ihr Freiheitsdrang, und sie entschloss sich, der DDR den Rücken zu kehren. „Es gab da einen Zug, der brachte täglich Arbeiter von Dresden nach Berlin, da habe ich mich an einem sehr frühen Montagmorgen einfach mit hineingesetzt, abends fand ich mich in einer Flüchtlingsmeldestelle  in Berlin-Charlottenburg wieder.“

Karlsruhe – London – Accra

Nach ihrer gelungenen Flucht in den Westen konnte Hannah Schreckenbach an der Fridericiana in Karlsruhe ihr Architekturstudium abschließen. „ Im Westen war allerdings beileibe nicht alles besser. So eingeschränkt die Freiheit im Osten war, so erschreckend war für mich, zu sehen, wie viele alte Nazis offenbar unbehelligt ihren Weg in Schlüsselpositionen der neuen Bundesrepublik gefunden hatten.“ Dass sie mit dem  Diplom zugleich ein Auslands-Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAA) erhielt, empfand die Studentin deshalb als Glücksfall. Ihre Entscheidung für London als Arbeits- und Lebensmittelpunkt markierte den ersten Schritt auf ihrem späteren Weg nach Afrika. Zunächst aber hinterließ sie auch in der Themse-Metropole nachhaltige Spuren. Während ihrer Tätigkeit als Stadtplanerin für die Londoner Stadtverwaltung war sie zwischen 1959 und 1960 maßgeblich am Entwurf der Pläne für die in den Folgejahren umgesetzte städtebauliche Neugestaltung großer Bereiche Londons beteiligt.

Architektin Schreckenbach in ihrem Büro in Accra 1967

Architektin Schreckenbach in ihrem Büro in Accra 1967

Von ihren ghanaischen Kommilitonen ermuntert, bewarb sich Hannah Schreckenbach 1960 schließlich bei der ghanaischen Regierung um die ausgeschriebene Stelle als Architect for Development. Die Reaktion auf die Bewerbung durch die mittlerweile hoch qualifizierte Architektin und Stadtplanerin fiel eindeutig aus. Der zuständige Crowns Agent fragte nur kurz und bündig: „When can you travel, Miss Schreckenbach?“

Inspirationsquelle Volksarchitektur

Als Architektin im Bauministerium in der Hauptstadt Accra war Hannah Schreckenbach in Ghana 15 Jahre lang für die Planung zahlreicher öffentlicher Gebäude und vieler Wohnungsbauten verantwortlich. Ganz ohne Brüche verlief allerdings auch dieser Abschnitt ihres Berufslebens nicht „Im Ministerium nannten sie mich irgendwann nur noch die ‚Lehm-Tante‘.“ Hannah Schreckenbach lacht als sie den zweifelhaften Ehrentitel erwähnt, dann erklärt sie wie es dazu kam: „Ich hatte im Norden des Landes die Vertretung für einen Kollegen übernommen und lernte dort zum ersten Mal eine Volksarchitektur kennen, die mit professioneller Architektur europäischer Prägung bis dahin noch kaum in Berührung gekommen war. Lehmbau spielte eine zentrale Rolle. Dabei pflegten die unterschiedlichen Stämme in Nordghana jeweils eigene Konstruktionen und Dekorationen. Als ich im Ministerium auf die reichhaltige Lehmbaukultur im eigenen Lande hinwies, stieß ich zunächst auf großes Unverständnis. Fortschritt, das hieß in Ghana damals: Zement und Beton. Die Baustandards der hoch entwickelten Industriestaaten waren für Planer und Verantwortliche in den Ministerien das Nonplusultra.“

Das anfängliche  Belächeln durch die Kollegen im Bauministerium wich später großer fachlicher Anerkennung. 1975 wurde sie schließlich Dozentin für Baukonstruktion an der Technischen Hochschule in Kumasi . Gemeinsam mit ihren Studenten forschte sie dort über geeignete Bautechniken für tropische Entwicklungsländer.

1980: Dozentin Schreckenbach mit ihren Studenten, den Dorfältesten und dem Häuptling in Tafiefe in der Volta Region.

1980: Dozentin Schreckenbach mit ihren Studenten, den Dorfältesten und dem Häuptling in Tafiefe in der Volta Region.

Für ihre herausragende Entwicklungsarbeit in Ghana wurde Hannah Schreckenbach 1981 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Dass da der Anfang vom Ende ihrer „afrikanischen Jahre“ bereits absehbar war, ahnten wohl die wenigsten Menschen in ihrer Umgebung, einschließlich Hannah Schreckenbach selber. Es war der damalige deutsche Botschafter in Ghana, Dr. Gottfried Fischer, der sie ein Jahr später auf die Seite nahm und sie freundschaftlich ermahnte: „Sie müssen zurück nach Deutschland, Hannah. Sie werden sonst Probleme damit bekommen, sich dort voll in den Arbeitsprozess zu integrieren und sich ein Zuhause einzurichten.“

Zurück in der Heimat

Hannah Schreckenbach folgte dem Rat des Diplomaten, dessen Einschätzung sich schnell bestätigen sollte. „Die Rückkehr nach Deutschland war tatsächlich ein Kulturschock für mich. Das fing an mit so simplen Dingen wie einer Lohnsteuererklärung. Damit tat ich mich schwer, denn als ghanaische Beamtin musste ich mich mit derlei nicht beschäftigen, die fälligen Steuern wurden einfach einbehalten. Am schwierigsten aber war es, mit dem allgegenwärtigen Überfluss zurechtzukommen. Ich konnte anfangs keinen Supermarkt betreten. Der Anblick der irrwitzigen Mengen von Konsumgütern in den Regalen bereitete mir körperliches Unbehagen“,  berichtet die Architektin.  Ihre berufliche Heimat in Deutschland fand Hannah Schreckenbach bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) bis zu ihrem Ruhestand 1997. In deren Auftrag und auch später als selbständige Gutachterin reiste sie noch viele Male nach Afrika. Dort betreute sie vor allem in anglophonen Ländern unter anderem viele Selbsthilfe-Projekte, in denen Lehm als Baustoff wieder Anwendung fand im Niedrigkosten-Wohnungsbau. Sie initiierte die Gründung des internationalen Bauberatungsnetzwerks BASIN (Building Advisory Service and Information Network), das heute besonders in Asien, aber auch in Afrika und Lateinamerika, von indischen Nichtregierungsorganisationen gelenkt, die Verwendung von Lehm als Baustoff weitflächig steuert und berät.

Feier im Freundeskreis anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1981

Feier im Freundeskreis anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1981

Seit der Wende lebt sie wieder am Ort ihrer Kindheit und Jugend, in Magdeburg. „Bevor Sie wieder in Richtung Heimat fahren schauen wir uns auf jeden Fall noch den Dom an und gehen zur Elbe hinunter.“ Dem Besucher „ihren“ Dom zu zeigen, ist spürbar Herzensangelegenheit für Hannah Schreckenbach. Die Sandsteinwände im weitläufigen, lichten Innenraum des imposanten protestantischen Sakralbaus leuchten im Sonnenlicht, das durch die Kirchenfenster fließt.  An einigen Stellen stehen Baugerüste, hier und da wird saniert. Eine Touristengruppe lauscht aufmerksam den Ausführungen ihrer Führerin. Hier im Dom berühren sich die unterschiedlichen Lebenslinien Hannah Schreckenbachs. Zu Füßen des Magdeburger Ehrenmals von Ernst Barlach, dessen eindringliche Darstellung der Leiden des Ersten Weltkriegs zur NS-Zeit als „entartet“ galt und das seit 1955 wieder einen Platz im Dom hat, zündet sie Kerzen für  ihre verstorbenen  Lieben an. Obligatorisch bei jeder Dom-Visite ist auch das stille Zwiegespräch mit dem heiligen Mauritius, einem Afrikaner, der, als lebensgroße Statute gegenüber dem steinernen Abbild der heiligen Katharina platziert (beide sind Namensgeber für den Dom), auf die Gläubigen herabschaut. Er könnte beinahe ein Ghanaer sein…

Im Dom zu Magdeburg: St. Mauritius als Kämpfer für den christlichen Glauben

Im Dom zu Magdeburg: St. Mauritius als Kämpfer für den christlichen Glauben

Buchveröffentlichungen Hannah Schreckenbach:

 „No Time to Die“, ein Buch über die Slogans an den ghanaischen „Mammylorries“, Ko-Produktion mit Architekt Kojo Gyinaye Kyei, Catholic Press, Accra, Ghana 1975

„Construction Technology for a Tropical Developing Country“, Baukonstruktionslehre, GTZ, 1983

“Namibia – erlebt und skizziert”, Klaus Hess Verlag, 2005

„Lebensspuren im Sand und Fels – die Geschichte von Ameib“, Namibiana Buchdepot, 2009

 

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Kategorie: Allgemein

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  • Ein sehr schöner Bericht!

    Das Buch “Lebensspuren im Sand und Fels – die Geschichte von Ameib” kann ich nur empfehlen. Seit dem ich es gelesen habe, möchte ich unbedingt mal nach Namibia reisen.

    Grüße aus Koblenz Gerd

  • Interessanter Bericht über einen außergewöhnlichen Lebensweg. Ich habe Respekt von der Schaffenskarft Frau Schreckenbachs. Dem “Fortschritt” aus Beton und Zement den traditionellen Lehmbau entgegenstellen und auch durchzusetzen, beweist Größe. Vor zwanzig Jahren habe ich angefangen Lehmputze in Säcken anzubieten und zu verkaufen. Fast alle Putzer- und Malerbetriebe haben mit Kopfschütteln reagiert. Die Verbraucher waren jedoch sensibler und haben es wiederum bei ihren Handwerkern eingefordert und somit entscheidend zum Durchbruch der Lehmbaustoffe verholfen. Heute wird beinahe jeder Handwerker seine positiven Erfahrungen auch in ökonomischer Hinsicht mit dem Baustoff Lehm gemacht haben. Dafür hat auch Frau Schreckenbach durch die Gründung des Dachverband Lehm e.V. beigetragen – nochmals Respekt!
    Beste Grüße aus Nordhessen
    Daniel Döbel

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