Lehmbau, Wellness, Wissenschaft – ein Besuch bei Britta Wolff

Eine berufliche Verabredung in Rostock verschaffte mir die Gelegenheit, endlich der engagierten jungen Lehmbau-Spezialistin Britta Wolff einen schon lange geplanten Besuch abzustatten. Die diplomierte Innenarchitektin steht heute stellvertretend für die zweite Generation Lehmbau-begeisterter Planer, die mit großem persönlichen Engagement und hoher fachlicher Kompetenz die in den 1980er Jahren begonnene Lehmbau-Renaissance auf ein neues, akademisch fundiertes Level zu heben.

Britta Wolff als Dozentin auf der Fachtagung "Lehm 2012" in Weimar

Britta Wolff als Dozentin auf der Fachtagung „Lehm 2012″ in Weimar

Forschung, Lehre, ökologische Landwirtschaft und freiberufliche Tätigkeit als Spezialistin für ökologische Innenarchitektur – Britta Wolff ist auf vielen Feldern aktiv, und das ebenso zielstrebig wie erfolgreich. In der Vielfalt ihrer Aktivitäten würde sich wohl mancher ambitionierte Zeitgenosse verstricken, für Britta Wolff aber sind ihre zahlreichen und teils ganz unterschiedlichen Tätigkeiten ineinander verwobene Facetten eines Ganzen. Ursprünglich stammt sie aus dem Ruhrgebiet. Nach Studienaufenthalten in Düsseldorf und Wismar, wo sie ihr Innenarchitektur-Diplom erwarb, arbeitete sie in Berlin in einem Büro für Tages- und Kunstlichtplanung. In der Hauptstadt unterhält sie auch heute noch eine Dependance. Mittlerweile lebt Britta Wolff auf einer alten Hofanlage südlich von Rostock, an der dortigen Universität arbeitet sie an ihrer Promotion.

Wellness wissenschaftlich betrachtet - Ausriss aus einer Studie Britta Wolffs

Wellness wissenschaftlich betrachtet – Ausriss aus einer Studie Britta Wolffs

Der ungewöhnlich lange Winter, der bei meinem Besuch Ende März noch keine Anstalten macht, dem Frühling zu weichen, trifft die Tierwelt hart hier im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern, eine halbe Autostunde von Rostock entfernt. Ausgehungerte Füchse kommen bei der Futtersuche bis hinein in die Wohngebiete. Britta Wolff und ihre Mitbewohner haben gar einen völlig entkräfteten Bussard in ihrem Hühnerstall entdeckt, der zuerst den Hahn tötete und anschließend nicht mehr genügend Energie zum Davonfliegen hatte. Nun hockt der angeschlagene Greifvogel neben Lämmern und Schweinen im Viehstall und wird mit roher Leber gefüttert.

Das ländliche Idyll des Grenzer Ökohofs ist die eine Seite des Lebens von Britta Wolff. Die andere ließ sich zuvor erahnen, als mich die junge Innenarchitektin  von der nächstgelegenen Bahnstation abholte. Da kam sie gerade von einem Termin in der Universität Rostock  und saß noch im Business-Outfit hinter dem Steuer ihres Autos. Darin wirkte sie ebenso plausibel wie jetzt, nachdem sie die Stoffhose gegen eine Jeans getauscht, einen dicken Wollpullover über die Bluse gestreift und Gummistiefel angezogen hat.

Der lange Winter fordert Tribut: entkräfteter Greif im Viehstall

Der lange Winter fordert Tribut: entkräfteter Greif im Viehstall

Der Ökohof dient zugleich als Büro, Werkstatt, Schulungsstätte und Quelle für Grundnahrungsmittel. Im Sommer wird der Hof zum Gästehaus für Hofhelfer, die gegen Kost und Logis bei der Widerinstandsetzung der historischen Hofanlage mitwirken. Dabei nutzen sie die Gelegenheit von einer Lehmbau-Spezialistin elementare  Bautechniken in der Praxis zu erlernen. „Hier kann ich die Leute meine Vorstellungen erleben lassen“, sagt Britta Wolff. Zusätzlich werden – garantiert „medienfreie“ -Fremdenzimmer an stressgeplagte Großstädter und andere Erholungsuchende vermietet. Dass neben der Bekümmerung von Haus, Hof und Vieh überhaupt die Zeit bleibt, sich praktisch und theoretisch dem Thema Lehmbau zu widmen, liegt auch daran, dass Schweine, Enten, Gänse, Schafe und Pferde ausschließlich alten, ursprünglich in der Region vorkommenden Rassen entstammen, die wesentlich widerstandsfähiger sind, als jene überzüchteten Arten, die heutzutage das Bild der konventionellen Landwirtschaft prägen. „Dieser lange harte Winter war eine Ausnahme, ansonsten kommen die Tiere weitgehend alleine zurecht, sogar die Schafe werfen ihre Wolle selber ab“, erklärt Britta Wolff.

Ökohof-Detail: historischer Lehmputz in der ehemaligen Räuchrkammer

Ökohof-Detail: historischer Lehmputz in der ehemaligen Räucherkammer

Angesprochen auf ihre Kompatibilität mit den so unterschiedlichen beruflichen Outfits von Business-Frau und Bäuerin und den damit verbundenen Rollenmodellen weist meine Gastgeberin schmunzelnd  auf die Unvollständigkeit dieser Aufzählung hin: „Da fehlt noch der Laborkittel!“. Die Forschung ist ein weiteres Wirkungsfeld der engagierten Planerin, vielleicht sogar das wichtigste. Besonders ein Projekt verfolgt Britta Wolff ausdauernd und mit großer Leidenschaft. Seit sie in Marokko im „Lehmexpress“-Projekt von Lehmbau-Urgestein Manfred Fahnert ein altes marokkanisches Hamam entdeckte, ließ sie die Faszination für diese archaische Vorwegnahme heutiger Wellness-Trends nicht mehr los. Überwog vor Ort in Marokko noch eine vage Faszination, erwachten Neugierde und Forscherdrang nach der Rückkehr nach Deutschland erst recht und haben sie bis heute nicht mehr losgelassen.

Ihre Idee: das traditionelle nordafrikanische Ritual des „Einmann-Dampfbads“ in ein zeitgemäßes Wellness-Konzept zu integrieren, das zum Einen elementare menschliche Grundbedürfnisse berücksichtigt und darüber hinaus in ökologisch verantwortlichen, nachhaltigen Bautechniken realisierbar ist. Die sich daraus ergebenden technischen Herausforderungen hat Britta Wolff in den Mittelpunkt ihrer Doktorarbeit gestellt. Diese ist unmittelbar von den Erlebnissen in Marokko inspiriert. Angeblich hat beim dort vorgefundenen Hamam ursprünglich eine verpresste und geseifte Kalkschicht den kokonartigen Lehmraum vor direkter Feuchteeinwirkung  geschützt und so die Nutzung als Dampfbad erst möglich gemacht. Ihr Promotions-Thema lautet: „Hydrophobierter Kalk als Schutz für Lehm“. Parallel entstand ein mit Claytec-Lehm realisierter Prototyp eines  solchen „Wohlfühl-Kokons“ – spätere Serienproduktion nicht ausgeschlossen.

Schlüsselthema: "Wohlfühl-Kokon" Hamam

Schlüsselthema: „Wohlfühl-Kokon“ Hamam

Wissenschaftliche Arbeit, persönliche Erfahrungen und immer wieder praktische Versuche bilden auch die Basis für Britta Wolffs freiberufliche Tätigkeit. In ihrem „Büro für ökologische Innenarchitektur“ löst sie Gestaltungsprobleme und erstellt Nutzungskonzepte im Zusammenhang mit der Umwidmung historischer Gebäude. Auch die Gestaltung von Museumsräumen unter Berücksichtigung der besonderen raumklimatischen Erfordernisse gehört zum Wolffschen Leistungsspektrum. Dazu erstellt sie Video-Dokumentationen, betätigt sich als Layouterin von Fachpublikationen und entwirft Möbel. Nach ihrem Rezept gefragt, wie sie dieses beeindruckende Pensum verschiedenster täglicher Aufgaben bewältigt, antwortet Britta Wolff mit jenem freundlich-offenen und zugleich äußerste Fokussierung spiegelnden Minenspiel, das mir nachhaltig in Erinnerung bleiben wird : „Der Hof erdet mich. Hier spielen Äußerlichkeiten keine Rolle. Tiere, Menschen, Natur – das bedeutet Reduktion auf das Wesentliche. Da relativiert sich so manches vermeintlich Wichtige, und ich gewinne neue Energie.“

Werkstatt, Büro, Schulungsstätte aber auch Rückzugsraum - auf dem Ökohof findet Lehmbau-Spezialistin Wolff die nötige Erdung.

Werkstatt, Büro, Schulungsstätte aber auch Rückzugsraum – auf dem Ökohof findet Lehmbau-Spezialistin Wolff die nötige Erdung.

2 Kommentare

julius

sehr interessanter artikel! gibt es eine übersicht über die wissenschaftlichen arbeiten?

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