Viele helfende Hände in Magdeburg

Vor einem Jahr besuchte ich in Magdeburg die Architektin Hannah Schreckenbach. Angesichts der täglichen Nachrichtenbilder aus den Hochwassergebieten kam mir nun wieder in den Sinn, wie wir damals vom Dom aus zum Ufer der Elbe spazierten. Jetzt erreichten mich gleich zwei aktuelle Berichte zur dortigen Hochwasser-Situation. Übereinstimmendes Fazit: dank der tatkräftigen Unterstützung durch zahlreiche freiwillige Helfer konnte das Schlimmste gerade noch abgewendet werden. Eine weitere Beobachtung, die beide Gewährsmänner vor Ort machten: Soziale Netzwerke trugen entscheidend dazu bei, dass in der nötigen Geschwindigkeit auf die teils rasanten Entwicklungen der Wasserstände reagiert werden konnte.

Elbe-Hochwasser in Magdeburg  Foto: Feuerwehr Magdeburg

Elbe-Hochwasser in Magdeburg Foto: Feuerwehr Magdeburg

Häuser im Stadtteil Werder gerettet

CLAYTEC Support-Mann Wolfgang Milarch war am vergangenen Wochenende einer von vielen Freiwilligen, die im Magdeburger Stadtteil Werder versuchten, die von Alter und Neuer Elbe umflossenen Häuserzeilen vor einem Flut-Totalschaden zu bewahren. Am Telefon schildert er, wie zunächst am Samstag „Massen von Leuten über Facebook mobilisiert“ wurden. Bis in den Abend hinein habe man gemeinsam mit Feuerwerk und Technischem Hilfswerk (THW) Sandsack-Dämme gebaut. Die Lage habe sich dann zugespitzt, als am Samstagabend die THW-Einheiten dort abgezogen wurden, um ein nahe gelegenes Umspannwerk zu sichern. „Da konnte man sehen, wie schnell die Menschen über die sozialen Netzwerke zu mobilisieren sind.“

Schon kurz nach entsprechenden Facebook-Aufrufen seien erneut etliche Menschen zu Hilfe gekommen und hätten mit ihren privaten PKW neuen Sand aus dem Kieswerk herangebracht. „Irgendwann tauchte dann sogar ein 4o-Tonner hier auf, von dem niemand wusste, wo der her kam“, schildert Wolfgang Milarch. Als am Sonntag die THW-Mitarbeiter von ihrem Einsatz am Umspannwerk zurückkamen, hätten die sich erstaunt gezeigt, wie professionell den freiwilligen Helfern die Absicherung gelungen war. „Die Keller sind zwar vollgelaufen, aber die Häuser sind gerettet“, so Wolfgangs Fazit. „Es war schön zu sehen, wie alle miteinander das vollbracht haben.“

„Land unter“ am Herrenkrug

Ähnliche Erfahrungen schilderte auch Joris Spindler, der, am östlichen Ufer der Elbe, in unmittelbarer Nähe zur Elbe-Radbrücke gemeinsam mit einigen Mitstreitern im ehemaligen Gärtnerhaus am Herrenkrug 2 das Projekt „Vitopia“ aufgebaut hat. Bei diesem genossenschaftlich organisierten Vorhaben steht das gemeinsame Leben und Arbeiten unter besonderer Berücksichtigung der Aspekte Nachhaltigkeit und Ökologie im Mittelpunkt. Unter anderem sollen dort bald ein Gasthaus für Radwanderer und ein Café ihre Pforten für Besucher öffnen. CLAYTEC unterstützte das Projekt durch das Sponsoring der verwendeten Lehmbaustoffe.

Bedrohlicher Wasserstand am Vitopia-Projekt

Bedrohlicher Wasserstand am Vitopia-Projekt

O-Ton Joris Spindler: „Wir im Herrenkrug hatten ab Dienstag letzter Woche alle Hände voll zu tun. Zunächst gab es zu wenige Sandsäcke, wir konnten aber dann am Donnerstag noch eine für unser Grundstück genügend große Anzahl bekommen. Es gab viel Unterstützung. Diese kam zum einen von Vitopia-Mitgliedern und Bekannten, bei denen wir uns hiermit ganz herzlich bedanken möchten.  Zum anderen organisierte sie sich durch die sozialen Medien, vor allem über Facebook. Keiner von uns ist dort Mitglied, aber eine Nachricht durch einen MDR-Journalisten dort bescherte uns ungeahnte Kapazitäten an Hilfskräften, die wir zum größten Teil auch wirklich sinnvoll einsetzen konnten. Außerdem gab es Spenden von Kuchen und Getränken durch einen Radiosender. Ein Gastronomiebetrieb, der im Stadtpark ebenfalls mit den Wassermassen zu kämpfen hatte, brachte uns belegte Brötchen, auch Säfte von der nahe gelegenen Saftfabrik fanden den Weg zu uns.“

Sicherungsmaßnahmen am Herrenkrug

Sicherungsmaßnahmen am Herrenkrug

Am Ende kamen auch die Vitopia-Genossenschaftler mit einem blauen Auge davon, wenn auch nur ganz knapp. Als ich Joris Spindler am Dienstag ans Telefon bekomme, ist er gerade per Fahrrad auf dem Weg zum Gelände am Herrenkrug. Tags zuvor lagen zwischen steigendem Wasserpegel und dem frisch restaurierten Hochparterre des alten Gärtnerhauses nur noch ganze vier Treppenstufen bei einer Prognose von zu erwartenden weiteren 40 cm Anstieg des Hochwassers. Tatsächlich stoppte der Anstieg des Pegels in dieser Nacht nur knapp unterhalb der letzten Stufen zu jenen Räumen, die eben erst aufwändig restauriert und frisch mit Lehmputz versehen worden waren.

Stillstand in letzter Minute: das frisch sanierte Hochparterre im alten Gärtnerhaus blieb verschont

Stillstand in letzter Minute: das frisch sanierte Hochparterre im alten Gärtnerhaus blieb verschont

Wie unser CLAYTEC Kollege Wolfgang Milarch ist auch Joris Spindler von Vitopia beeindruckt und dankbar für die spontane Hilfe durch bis dahin völlig fremde Menschen. „Nur dank ihrer Hilfe haben wir es geschafft, annähernd alle wichtigen Gegenstände rechtzeitig  ins Obergeschoss in Sicherheit zu bringen und die gefährdeten Bereiche mit Sandsäcken zu sichern.“ Durch die Ereignisse sind die Vitopia-BewohnerInnen aktuell in vorübergehenden Unterkünften im Stadtgebiet verteilt untergebracht. Auch dabei gab es Hilfe und Angebote aus der Bevölkerung.

Waren die Rettung: über Facebook mobilisierte freiwillige Helfer

Waren die Rettung: über Facebook mobilisierte freiwillige Helfer

Demnächst wird auf dem Gelände am Herrenkrug das große Aufräumen beginnen. Auch wenn das Projekt Vitopia und seine Bewohner noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind, ist der materielle Schaden doch beträchtlich. Wer das Vitopia-Projekt bei der Überwindung der Flutschäden unterstützen möchte kann dies durch eine Spende tun. Adressat für die Spenden ist der Verein „Lebensraum am Fluss e.V.“, der für die Mehraufwendungen des Denkmalschutzes bei der Renovierung, die gemeinnützigen Aktivitäten im Herrenkrug 2 (Schwerpunkt Umweltbildung) und die Zusatzkosten durch die Hochwasserschäden zuständig ist.

Die Bankverbindung lautet:

Kontoinhaber: Lebensraum am Fluss e.V.
Kontonummer: 4028600
BLZ: 81093274 (Volksbank Magdeburg)

Fotos: Joris Spindler/Vitopia

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