Die Claytec-Szekessy Story

Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Willhardt

Dr. Michael WillhardtDr. Michael Willhardt, Inhaber einer Kommunikations-Agentur in Duisburg, ist dem Unternehmen Claytec seit vielen Jahren verbunden – als Kommunikations-Spezialist aber auch als Freund des Firmengründers Peter Breidenbach. Im vergangenen Jahr reisten beide gemeinsam nach Ungarn um sich auf die Spuren eines der ältesten Claytec-Geschäftskontakte zu begeben. Zusammen mit Breidenbach-Junior Maximilian und Willhardts Freund und Geschäftspartner Martin Böse (Programmierer und Administrator der Claytec-Homepage) besuchten sie den Unternehmer, Ingenieur und Schilf-Produzenten Istvan Szekessy. Willhardts Bericht spannt einen weiten Bogen vom Naturrohstoff Schilf über Unternehmerschaft mit Herzblut, konstruktive Improvisation, schicksalhafte biografische Überschneidungen bis zu den Ursprüngen der heute weitgehend vom Mainstream assimilierten „Bio“-Bewegung. Fast beiläufig stellt er klar: Geschäftssinn und ethisches Handeln müssen einander nicht ausschließen – im Gegenteil.

Schilfgewebe. Mehr Naturbaustoff geht nicht

Schilfpflanze in Pirto (Ungarn)  Foto: Willhardt

Schilfpflanze in Pirto (Ungarn) Foto: Willhardt

Die Reise zu einem Herkunftsort von Schilfmatten und Schilfdämmplatten geht in die Vergangenheit und in die Zukunft. Einer der ältesten Baustoffe der Menschheit kann angesichts der heutigen Bedarfe nur ein Nischenprodukt sein und doch ist seine Geschichte ein Plädoyer für den Erhalt und für die Förderung der Vielfalt der Möglichkeiten und der Lebensentwürfe. Schilf ist ein Naturbaustoff par excellence, er wächst natürlich, wird nicht künstlich gedüngt oder mit Chemikalien behandelt und die regelmäßige Ernte fördert seinen Bestand. Ohne Ernte beginnt die Verlandung und verdrängt das Schilf. Auch bei der Verarbeitung bleiben die Schilfmatten ein reines Naturprodukt, sie werden nach dem Trocknen ohne jede zusätzliche Behandlung lediglich mit Draht verwoben.

Schilf

Schilf zählt neben den Baustoffen Lehm und Holz zu den ältesten der Menschheit. Allein schon deshalb, weil Schilf in traditionellen Siedlungsgebieten des Menschen zu finden war. Schilf bildet an Seen und Gräben und in Sumpf- und Feuchtgebieten natürliche Monokulturbestände. Das tief wurzelnde Schilfrohr kommt in stehenden und langsam fließenden Gewässern bis zu einem Meter Wassertiefe vor. Schilf findet sich auch auf nassen Wiesen und nicht überfluteten Standorten mit bewegtem und hoch stehenden Grundwasser. Es liebt nicht zu kalte Schlick- und Schlammböden, die stickstoffhaltig und basenreich sein sollten und verhältnismäßig sauerstoffarm sein können. Schnell fließende Wässer oder hohen Wasserstand erträgt es nicht. Die Art spielt bei der Verlandung von Gewässern eine Rolle, wenn sich zwischen den dichten Halmen Schlamm sammelt.

Das tief wurzelnde Schilfrohr kommt in stehenden und langsam fließenden Gewässern bis zu einem Meter Wassertiefe vor. Foto: Willhardt

Das tief wurzelnde Schilfrohr kommt in stehenden und langsam fließenden Gewässern bis zu einem Meter Wassertiefe vor. Foto: Willhardt

Die Sumpffplanze wird bis zu vier Meter hoch, für die Nutzung als Baumaterial soll sie mindestens 250cm haben. Die Blütezeit reicht von Juli bis September. Die Früchte sind frühestens im Dezember reif. Die Vermehrung erfolgt in erheblichem Maß vegetativ. Die Pflanzen können bis zu 20 Meter lange Ausläufer bilden. Die Blätter bleiben auch bei Regen trocken, wie bei Lotusblumen perlt das Wasser ab und eine Benetzung der Fläche ist gering. Ganze „Schilfbestände“ stellen oft nur eine einzelne Pflanze dar und sie werden sehr alt. Im Donaudelta fand man Pflanzen, deren Alter auf ca. 8000 Jahre geschätzt wurde.
Ernte schadet dem Bestand nicht, sondern beugt einer Verschlechterung der Wasserqualität der Seen vor. Die Pflanze wird heute gezielt zur dekorativen Gestaltung von Uferpartien als Zierpflanze und zur Landgewinnung eingesetzt.

Nutzung

Die jungen Sprossen werden in einigen Gebieten als Gemüse verwendet, aus den getrockneten Wurzeln wird Mehl zum Brotbacken hergestellt. Der Geschmack ist für uns ungewohnt. Seit Jahrtausenden spielt Schilfrohr vor allem eine Rolle als Naturbaustoff. Schilfrohr dient in Form von Reet als Dachdeckmaterial. Heute werden in der Mehrheit mehrschichtige Schilfrohrplatten (20 bis 60mm, mit verzinktem Draht gebunden) oder einfache Matten (Rabitzgeflecht) als Putzträger genutzt. Schilf nimmt keine Feuchtigkeit auf und verrottet kaum, es ist stabil und aufgrund seiner griffigen Oberflächenstruktur ein ausgezeichneter Putzgrund. Sein Gehalt an Kieselsäure ist überdies brandhemmend. In Lehm eingeputze Schilfrohrplatten werden seit Jahrzehnten erfolgreich in der Innendämmung eingesetzt. Die Matten sind auch für Trennwände und für den ökologischen Trockenbau geeignet. Dünne Matten aus Schilfrohr dienen zur Beschattung von Gewächshäusern, dickere als Windschutz.

Schilf im Reetdach Foto: Willhardt

Schilf im Reetdach Foto: Willhardt

Die Schilfproduktion erfolgte früher von Hand, heute werden Maschinen eingesetzt. Geerntet wird traditionell, wenn die Gewässer so stark zugefroren sind, dass sie Mensch und Maschinen tragen. Auch ist Frost vor der Ernte wichtig, damit die Halme, die man ernten und verarbeiten möchte, den Blattbesatz verlieren. Ernte und Verarbeitung spielen in Deutschland praktisch keine Rolle mehr. Die Schilfproduktion hat sich in die osteuropäischen Länder wie Ungarn, Rumänien oder auch nach Weißrussland verlagert, wird aber auch dort seltener.

Istvan Szekessy

Istvan Szekessy <br /> Foto: Willhardt

Istvan Szekessy
Foto: Willhardt

Die erfolgreiche Schilfproduktion in Pirto (Ungarn) ist dem Zusammentreffen glücklicher Umstände zu verdanken. Das Unternehmen Claytec suchte in den späten 90er Jahren einen Anbieter und traf Istvan Szekessy, der nach Rückkehr in seinen Heimatort Pirto die traditionelle Schilfproduktion zu einer neuen Blüte geführt hat. Der Weg zu dieser Blüte erzählt auch eine Geschichte von Unternehmern und Unternehmungen, die mit Herzblut eine Existenz aufbauen, deren Lohn neben dem Auskommen in der eigenen Heimat eine abwechslungsreiche Arbeit ist. Der Profit jedoch ist Lebensqualität und eine Produktionsweise und Ethik im Einklang mit der Natur.

In Pirto, einem Ort im Südwesten Ungarns, wird ein Naturbaustoff hergestellt, der den Begriff nachhaltig wirklich verdient, weil er auf den gesamten Produktzyklus zutrifft und zusätzlich auf die Haltung und das Selbstverständnis von Herstellern und vielen Nutzern.

Beginnen soll die Reise im Jahr 1956, als Istvan Szekessy aus seiner Heimat Ungarn geflohen ist. Er wurde im heutigen Serbien interniert. Am Ende dieser Flucht und Gefangenschaft kam er nach Düsseldorf, wo sein Onkel Zoltan Szekessy an der Kunstakademie lehrte. Es dürfte dessen guten Kontakten zu verdanken sein, dass sich Theodor Heuß, bis 1959 Bundespräsident, darum bemüht hat, Istvan aus der Gefangenschaft zu befreien. Ohne die spätere Entwicklung auch nur zu ahnen haben sich die Wege des Erfolgsduos Schilf aus Pirto und Claytec – Baustoffe aus Lehm um 1957 gekreuzt, als die Mutter des Claytec-Unternehmers Peter Breidenbach an der Kunstakademie Düsseldorf bei Zoltan Szekessy studierte.

Szekessy hat bis 1954, wie er sagt, „im Faß gelebt“ und ist in den Weingärten seines Vaters aufgewachsen. Der hat mit seiner Weinproduktion eine Reihe von Medaillen gewonnen. Istvan hat früh gelernt, zur rechten Zeit zu schneiden und zu pflegen. In seiner Jugend war die Landwirtschaft in Ungarn kleinteilig, die Fruchtfolge selbstverständlich und Kunstdünger (zu) teuer. In seinem Heimatort entwickelte Szekessy sein grundlegendes Verständnis für die Landwirtschaft und für ein nachhaltig ökologisches Wirtschaften. „Ich glaube, dass 50 Prozent der Qualität eines Produktes der moralischen Haltung entspringen“, diese Kernaussage findet sich in einem Interview von Ilonka Mary im Biokultura Magazin, dass der Bio-Zertifizierer Biokontroll Hungaria 2012 mit ihm geführt hat.

Istvan Szekessy wurde in Deutschland Diplomingenieur im Maschinenbau und allein die Reihe seiner Patente rund um das Einspritzen und Dosieren von Flüssigkeiten weisen ihn als Erfinder und Praktiker aus. Er hat Karriere im frühen IT-Geschäft gemacht, maßgeblich mit der Rexroth und Szekessy Entwicklungs-GmbH in München. Auch dürfte der wesentlich ältere und bekannte Unternehmer Alfred Rexroth*, der Sohn eines Eisenfabrikanten, nicht nur geschäftlich eine wichtige Rolle gespielt haben. Durch diese Verbindung hat sich die Zuwendung zu naturkonformer Produktion vertieft. Rexroth war Förderer der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise der Bauckhöfe in der Lüneburger Heide, ein Förderprojekt der heutigen GLS-Bank. Die Bauckhof-Idee geht auf das Jahr 1932 zurück, als der Ur-Pionier Eduard „Opa“ Bauck seinen Betrieb auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umstellte, lange bevor die Begriffe Öko und Bio geprägt wurden. Heute leben und arbeiten in der Lüneburger Heide drei Bauck-Generationen auf mittlerweile drei Bauckhöfen.

Wilhelm Ernst Barkhoff und Gisela Reuther, Gründer der GLS Bank Foto: GLS Bank

Wilhelm Ernst Barkhoff und Gisela Reuther, Gründer der GLS Bank Foto: GLS Bank

Aus der landwirtschaftlichen Uridee entwickelten sich in den 1960er Jahren eine Vielzahl von Demeter Projekten. Istvan Szekessy war hier oft zu Gast: „Lange bevor ich in Ungarn 1995 meinen ersten Betrieb für ökologische Nahrungsmittel gegründet habe, kam ich 1969 mit Demeter-Betrieben und dem Bauckhof in der Lüneburger Heide in Kontakt.“ Sicher hat auch seine Frau Christine, in einer naturnahen Umgebung aufgewachsen, diese Haltung befördert. Die gemeinsamen Kinder wurden auf Waldorfschulen erzogen.

Szekessy entwickelte als Ingenieur Präzisiongeräte und als Unternehmer Controllingsoftware für die Serienproduktion in der Automobilindustrie. Sein Patent DE 1947329 A1, eingetragen 1969, dürfte bei der Entwicklung des ersten Hydraulik-Servoventils der Firma Rexroth (heute Bosch Rexroth) eine Rolle gespielt haben. Immer wieder wird er gefragt, wie diese beiden offensichtlich doch so verschiedenen Aspekte seines Wirkens, der kühlen Technik auf der einen Seite und die ökologische Bewegung auf der anderen, zusammen passen. Doch darauf gibt es eine plausible Antwort: Natur und Technik verbinden sich durch Szekessys ethische Grundhaltung, dass Fortschritt nur mit Rücksicht und Erhalt der Natur möglich ist. An einem praktischen Beispiel lässt sich das verdeutlichen: Aufgrund des Klimawandels wird die sehr sandige und wenig fruchtbare Landschaft im Südwesten Ungarns immer trockener. Das Grundwasser ist auf mindestens acht Meter Tiefe abgesunken, effiziente Brunnen müssen bis in 28 m Tiefe gebohrt werden. Hier ist allerdings die Eisenkonzentration so hoch, dass die von Szekessy verlegten Tropfenbewässerungssysteme durch Eisenoxydation verstopfen würden. Ohne einen von ihm entwickelten Eisenabscheider würde diese effiziente Bewässerungsform nicht funktionieren. Und um den Einsatz des kostbaren Wasser noch präziser zu steuern, entwickelt Szekessy aktuell eine Anlage mit Elektronikkomponenten aus der Automobilindustrie. Er verwendet für die präzise Steuerung des Wasserdrucks elektronische Messsysteme, die bei modernen PKW den Luftdruck der Reifen kontrollieren.

Dieser komplexe Hintergrund Szekessys zwischen ökologischer Landwirtschaft, technischer Begeisterung und wissenschaftlicher Kontrolle der Effiziens haben einen Typus Unternehmer geschaffen, der Natur und Technik in Einklang bringt.

Ein Besuch in Pirto

Pirto liegt in der großen ungarischen Ebene, im Südwesten des Landes, irgendwo zwischen Budapest und der serbischen Grenze. Hier herrscht nicht die Weite der Pusta, hier zersiedeln Dörfer und Kleinstädte die Landschaft. Die Dörfer sind eine Ansammlung von einzeln stehenden Häusern mit großen Grundstücken, es sind Orte ohne Zentrum, die Mitte lässt sich nur an der zentralen Bushaltestelle mit dem einzigen Lebensmittelladen am Ort erkennen.

Birnenernte in Pirto Foto: Willhardt

Birnenernte in Pirto Foto: Willhardt

Das Grundstück der Sekessys liegt abseits der Hauptssraße, auf einer wenige Meter hohen Anhöhe, ein Überbleibsel der Eiszeit. Vergangenheit und Zukunft treffen sich auf diesem vielleicht 10.000 m² großen Grund seiner Eltern, den Istvan Szekessy nach dem Tod eines dort lebenden entfernten Verwandten wieder übernommen hat. Hier lebt er mit seiner Frau im Wechsel mit seiner zweiten Heimat München. Hier hat er die Firma Biokontakt Pirto aufgebaut, die mit natürlichem Sandornmark praktisch den gesamten ungarischen Markt versorgt. Daneben vertreibt er eine robuste ökologische Birne. Die Bäume hat er zusammen mit seinem Vater vor seiner Flucht gepflanzt. Die Ernte geht an Ökofruchtsaftbetriebe nach Deutschland, eine eigene Fruchtsaftproduktion ist im Aufbau.

Wir treffen den charmanten Gastgeber Szekessy in seiner Küche, die wohnlich und funktional zugleich ist. Der Eingangsbereich steht einem modernen Labor nicht nach, der Wohnteil ist ein bisschen nostalgisch. Aktuell wird mit der Extraktion und der Analyse von sehr seltenen Kernölen experimentiert, die nur in kleinsten Mengen gewonnen werden können. Eine nach Szekessys Plänen gebaute Abfüllanlage füllt auf 1/100g genau ab und während der eine Kolben die Fläschchen füllt, zieht der entstehende Unterdruck den zweiten Kolben auf, um effizient und in kurzer Folge abzufüllen und um dabei gleichzeitig den Reinigungsaufwand auf ein Minimum zu begrenzen.

Im Gespräch: Peter Breidenbach (li.) und Istvan Szekessy Foto: Willhardt

Im Gespräch: Peter Breidenbach (li.) und Istvan Szekessy Foto: Willhardt

Während wir in der Küche bei Kaffee und Kuchen und einem selbst Gebrannten sitzen, ist draußen im Herbst 2013 die Birnenernte im vollen Gang, BigBag um BigBag wird gefüllt und verladen. Zum Zeitpunkt der Ernte sind die Birnen hart wie Zuckerrüben. Erst durch Lagerung werden sie nach ca. 4 Wochen weich und sie entwickeln ein wunderbares Aroma, dessen Duft sie bereits bei der Ernte verströmen.

Panzer zu Erntemaschinen

Der politische Wandel in Europa und der Fall der eisernen Vorhänge 1989 fiel zusammen mit dem Verkauf seines Firmenanteiles der Münchener Entwicklungs GmbH und Istvan Szekessy wollte sich eine Ruhepause in Budapest gönnen. Sein Heimatland hatte er seit seiner Flucht 1956 nicht mehr betreten. Weil er nicht nur Deutsch und das schwer zu lernende Ungarisch spricht, sondern weil er auch die Mentalitäten seiner alten und neuen Heimat bestens kennt und in Europa über ein enges Netzwerk von Kontakten verfügt, entstand statt einer Auszeit schon kurz nach seiner Ankunft in Budapest beim Bier mit einem Professor der Universität sein erstes Unternehmen in Ungarn. Später sollten seine Erfahrung und seine Kontakte die aufblühenden Schilfprodukte aus seinem Geburtsort nach Deutschland bringen.

Unikat: früher ein Panzer, heute mobile Mini-Manufaktur zur Schilfernte <br /> Foto: M. Breidenbach

Unikat: früher ein Panzer, heute mobile Mini-Manufaktur zur Schilfernte
Foto: M. Breidenbach

Die Schilfernte hat in der Ebene Ungarns eine lange Tradition, war jedoch zum Zeitpunkt der Rückkehr Istvan Szekessys nach Pirto um Mitte der 90er Jahre kaum noch rentabel. Durch den Kontakt zu Schilfbauern aus der Nachbarschaft, drei Brüder mit begnadeten handwerklichem Geschick, erkannte der Unternehmer schnell, dass die noch immer praktizierte Schilfernte nur rentabel werden kann, wenn auch die Wertschöpfung vor Ort passiert. Es kam zu einer gelungenen Kooperation zwischen den handwerklichen Naturtalenten und Szekessys Plänen, seiner Effizienskontrolle und nicht zuletzt Dank seiner Kontakte in Deutschland. Auf dem Markt vorhandene Webstühle für Schilfprodukte wurden angeschafft und verbessert. Ein besonderes Glanzlicht wurde die Entwicklung von Erntemaschinen, um den mühsamen Schnitt von Hand zu ersetzen. Zunächst waren es kleine Traktoren mit speziellen Mähbalken, heute ist der Stolz des Unternehmens eine regelrechte kleine Manufaktur, die auf dem Fahrgestell eines russischen Panzers Platz findet. Eine Lösung, wie sie in Ländern entsteht, die an der Schwelle zu einer durchprofessionalisierten Welt sind. Die Mischung aus Mangel an Material und Kapital aber auch Improvisationstalent und die Verbundenheit mit der eigenen Heimat machen so spektakuläre Lösungen möglich, wie den Umbau von Mannschaftspanzern zu Erntemaschinen. Wer immer an den langen Abenden der Diskussion auf die Idee kam, alte Panzer zu nutzen, das ist nicht mehr bekannt. Gesichert ist aber die Erkenntnis, dass die drei Schilfbauern und Brüder drei dieser Ungetüme bei Nacht und Nebel über Nebenstrassen und Feldwege quer durch Ungarn nach Pirto gefahren haben.

Die Wannen der Panzer mit dem Kettenantrieb sind ideal geeignet, um die Last auf den gefrorenen Seen zu verteilen und gleichzeitig mit einem doppelten Mähbalken aus italienischer Produktion zu arbeiten. Es dürfte eine Menge Schweissgas und Schleifscheiben gekostet haben, das Unterteil abzutrennen. Der spritfressene Panzerantrieb wurde durch ein Aggregat nebst Getriebe aus einem Traktor ersetzt, eine Kippplattform transferiert das geschnittene und gebundene Schilf auf bereit stehende Pritschenwagen. Zwei Mitarbeiter stehen auf der Plattform vor der Fahrerkabine und reichen die geschnittenen und gebundenen Garben nach hinten, wo sie zu einem hohen Berg gestapelt werden.

Produktion von Schilfrohr-Matten in Pirto  Foto: M. Breidenbach

Produktion von Schilfrohr-Matten in Pirto Foto: M. Breidenbach

Das stolze Unikat, einmalig auf der Welt, wurde immer weiter verfeinert, jüngst bekam es eine geschlossene Fahrerkabine, der Fußboden wird mit der Abwärme des Hydrauliköls beheizt. Der Fahrer hat den kältesten Job. Während die anderen sich bei starkem Frost warm arbeiten, froren ihm die Gliedmaßen an den kalten Hebeln fest.

Produkte

Maximilian Breidenbach, der älteste Sohn von Peter Breidenbach, der sich auf den Generationenwechsel im Unternehmen Claytec vorbereitet, ist zur Ernte 2013/2014 gereist und seine Fotos zeigen den Rohstoff Schilf vom Wetter verwöhnt. Normalerweise wird im Dezember geschnitten, doch in diesem Jahr hat der ausbleibende Frost den Einsatz bis Februar warten lassen. Die auf dem Eis geernteten Halme werden zu Mieten zusammengetragen, wo sie vor der Verbringung in die überdachten Lager trocknen.

Die beiden Produktionsanlagen und ihre Umgebung erinnern ein wenig an länger vergangene Zeiten. Die vollmechanischen Webstühle brauchen keine komplexe elektronische Steuerung, beim ungarischen Lohnniveau und bei der Menge der produzierten Ware ist der Anteil der Handarbeit relativ hoch. Drei Produkte werden hergestellt, Dämmplatten im Format 1mx2m mit Stärken von 2cm und 5cm sowie die Putzträgermatten, die auf Rollen 10mx2m geliefert werden.

Ein gutes Geschäft

Das Naturprodukt Schilf ist den meisten Lesern sicherlich in Form von Reetdächern und als Sichtschutz bekannt. Eine traditionell wichtige Verwendung findet sich in der Sanierung von Denkmälern und besonders auch von historischen Fachwerkbauten in der Kombination mit dem Baustoff Lehm, ebenfalls ein reines Naturprodukt, das nur durch Mischen ohne Chemie und Wärme entsteht.

Claytec wurde 1984 als Unternehmen zur Sanierung für Fachwerk und erhaltenswerte Bausubstanz gegründet und begann Mitte der 1990er Jahre mit der dezentralen Produktion von Lehmbaustoffen. Mit dem Erfolg der Produkte und dem steigenden Bedarf wuchs seit dem Jahr 2000 Claytec – Baustoffe aus Lehm als marktführender Produzent von allen Lehmbaustoffen, die für die Denkmalsanierung aber auch für den wohngesunden Neubau oder die Bestandssanierung notwendig sind. Neben den selbst produzierten vielfältigen Lehmprodukten vom Lehmspachtel über Lehmkleber, vom Unterputz bis zum Lehmdesignputz bietet das Unternehmen auch das gesamte Portfolio an, das zum Einsatz auf der Baustelle rund um den Baustoff Lehm erforderlich ist.

Um die Jahrtausendwende waren Peter Breidenbach und ein Freund und Mitarbeiter Franz Ix in Europa auf der Suche nach Schilfputzträgermatten, die für den Lehmbau unverzichtbar sind und nach Schilfdämmplatten, die bis heute von Kennern nachhaltig ökologischen Bauens zur energetischen Sanierung bevorzugt werden. Ihr Weg führte sie auch nach Ungarn, wo sie allerdings mit allen sprachlichen und kulturellen Handicaps nicht den Weg nach Pirto fanden. Es war umgekehrt Istvan Szekessy, auch in Deutschland zu Hause, der zielgerichtet die wenigen Großabnehmer für Schilfprodukte in Deutschland identifizierte und ansprach. So führte der Weg des Neffen von Soltan Szekessy  an den Stammsitz des Unternehmens Claytec nach Viersen. Peter Breidenbach und Istvan Szekessy fanden schnell zusammen, jedoch nicht allein deshalb, weil die gesuchten Produkte in der gewünschten Qualität und Menge zur richtigen Zeit bereit standen. Claytec bezieht seitdem seine Schilfprodukte auschließlich aus Pirto. Neben der Geschäftsbeziehung verbindet die Unternehmer seither auch eine Freundschaft, die aus dem gemeinsamen Verständnis für die Produktionsweise erwächst und aus der gelebten Erkenntnis über die Bedeutung von Nischen. Oder, um mit dem Zitat des heute 80jährigen Istvan Szekessy zu schließen: 50% der Qualität eines Produktes ist die Moral.

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* Alfred Rexroth war Lehrling im Unternehmensverbund Der kommende Tag. Hier kam er 1921 in Kontakt mit der Anthroposophie. Rexroth wie auch Wilhelm Barkhoff waren im Schatten der Ruhrgebietszechen aufgewachsenen und wurden Gründer der heutigen GLS-Bank e.G.. Nach der Gemeinnützigen Treuhandstelle e.V., die seit 1961 mit Spenden und Stiftungsgeldern gemeinnützige Projekte unterstützt, entstand 1974 mit der GLS Gemeinschaftsbank die erste sozialökologische Bank.

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