Ein Besuch im Schloss Liedberg

In Liedberg am Niederrhein lässt der Unternehmer Peter Overlack das historische Schloss, eine Burganlage mit Ursprüngen im 13. Jahrhundert, aufwendig und fachgerecht restaurieren. Am anspruchsvollen Ziel der möglichst originalgetreuen und authentischen Inwertsetzung des beeindruckenden Zeugnisses mittelalterlicher Baukunst arbeiten Planer, Handwerker, Denkmalpfleger und Bauherr gemeinsam. Auch Lehmbau in all seinen Facetten spielt dabei eine große Rolle.

Denkmalpflegerisches Leuchtturmprojekt: Baustelle Schloss Liedberg

Denkmalpflegerisches Leuchtturmprojekt: Baustelle Schloss Liedberg

„Eine milde Form von Wahnsinn erleichtert die Sache jedenfalls.“ – Unternehmer und „Schlossherr“ Peter Overlack seufzt amüsiert, als ich ihn nach seinen Motiven frage, sich auf ein so komplexes Projekt wie den Erwerb und die Restaurierung eines maroden Schlosses einzulassen. Er habe als Kind schon großes Interesse an alten Häusern gehabt, erläutert Overlack und führt als mindestens halbernst gemeinte Begründung an: „Ich war einschlägig vorbelastet, denn ich bin in einem Sechzigerjahre-Bungalow aufgewachsen.“ Ungeachtet dessen, dass sein vom renommierten Architekten Prof. Heinz Döhmen geplantes Elternhaus seinerzeit gestalterisch absolut dem „State-of-the Art“ entsprach, übte das spätgotische Bauernhaus des Großvaters in der Eifel eine weit größere Anziehung auf den Jungen aus. „Den charakteristischen Geruch des alten Gemäuers habe ich heute noch in der Nase wenn ich an meine Kindheit zurück denke, das war so eine Mischung aus Kaminruss, dem Staub der Jahrhunderte und den olfaktorischen Auswirkungen der mit einem 10-Liter-Kännchen betriebenen Ölzusatzheizung für besonders kalte Wintertage“, beschreibt Overlack die Faszination des historischen Gebäudes

Innenarchitektin und Bauherr - das Ehepaar Ute und Peter Overlack

Innenarchitektin und Bauherr – das Ehepaar Ute und Peter Overlack

Diese Vorliebe aus der Kindheit für die besondere Atmosphäre historischer Bauten blieb erhalten. Thema der overlackschen BWL-Diplomarbeit war die „Vermögensanlage in historische Bausubstanz“ – ein bis dahin von Ökonomen gänzlich unbeackertes Feld. Folgerichtig war auch bei der Wahl des ersten Eigenheims klar: Es sollte ein alter Bauernhof sein. Fündig wurde man schließlich mit einem alten Fachwerkhäuschen im Korschenbroicher Ortsteil Liedberg. Dort nahm das Schicksal gewissermaßen seinen Lauf, denn was sah das Ehepaar Overlack beim täglichen Blick aus dem Fenster? Eben jenes Schloss Liedberg. „Das war seinerzeit in sichtbar schlechtem Zustand. Trotzdem begann ich ab 1995, mich mit der Idee eines möglichen Kaufs zu beschäftigen“, berichtet Peter Overlack. Bis zur endgültigen Kaufentscheidung dauerte es schließlich bis 2007.

Bauherren, Planer und Verarbeiter entwickeln gemeinsam Lösungen zu Detailfragen. Links Architekt Martin Breidenbach.

Bauherren, Planer und Verarbeiter entwickeln gemeinsam Lösungen zu Detailfragen. Links Architekt Martin Breidenbach.

Mein Besuch im Schloss fällt zusammen mit dem Tag der wöchentlichen Baukreissitzung auf der Schloss-Baustelle. Bauherr Overlack trifft sich heute vor Ort mit Planern und Verarbeitern der beteiligten Gewerke, um den weiteren Baufortschritt zu besprechen und gemeinsam Lösungen für Detailfragen zu entwickeln. Neben den zuständigen Handwerkern  finden sich auch der verantwortliche Architekt Martin Breidenbach und Overlacks Ehefrau Ute ein. Ute Overlack kümmert sich als Innenarchitektin um die Raumgestaltung im Schloss. Gemeinsam gibt es heute, wie jede Woche, zahlreiche Detailfragen zu besprechen: Wie hoch wird diese Mauer, welcher Fluchtpunkt ist maßgeblich für jene Blickachse? Was für ein Sandstein entspricht am ehesten dem historischen Original? Längst nicht alle früheren Details sind aus Aufzeichnungen bekannt. Vieles muss deshalb nach Plausibilität, Erfahrungswerten und den erhaltenen Original-Fundstücken rekonstruiert werden. Details sollen nicht zu konkret, zu „clean“ wirken. Architekt Breidenbach strebt größtmögliche Authentizität an, räumt dabei zugleich ein: „Wir wollen nicht Wissen vortäuschen, dass wir nicht haben.“

Ausgemauertes, lehmverputztes Fachwerk

Ausgemauertes, lehmverputztes Fachwerk

Lehmbaustoffe kommen in großem Umfang zum Einsatz. Schon bei der Sanierung seines Fachwerkhauses setzte Hausherr Overlack auf die Erfahrung und das Fachwissen der Familie Breidenbach. Schließlich liegt der Ursprung des Unternehmens Claytec in der Denkmalpflege und Fachwerksanierung. Bereits die Mutter von Architekt Martin und Lehmbau-Unternehmer Peter Breidenbach, die Architektin Inge Breidenbach widmete einen Großteil ihres bis heute ausgeübten Berufes dem Erhalt historischer Bausubstanz. Von Leichtlehmschüttungen über Ausfachungen mit Lehmsteinen bis zu Lehminnenputz, Innendämmung mit Wandtemperierung und YOSIMA-Lehmdesignputz-Oberflächen – hier im Schloss Liedberg kommt annähernd die ganze Palette des Claytec-Produktportfolios zum Einsatz. Gleich mehrere Lehmbau-Betriebe sind mit ihren Fachkräften an der Restaurierung des Schlosses beteiligt: Ich begegne dem Viersener Claytec-Handwerkspartner Stefan Brenkers ebenso wie dem Kasseler Lehmbau-Spezialisten Niko van Borstel, ebenfalls langjähriges Mitglied der „Claytec-Familie“.

Kölner Decke im "Blauen Saal": Stuck-Arbeiten verschiedener Epochen

Kölner Decke im „Blauen Saal“: Stuck-Arbeiten verschiedener Epochen

Die Stuckverzierungen, welche die außergewöhnlich prachtvolle Variante einer „Kölner Decke“ im „Blauen Saal“ schmücken, tragen die Handschrift dreier unterschiedlicher Stuckateure aus vergangenen Jahrhunderten. Im Zuge der Sanierungsarbeiten kommt nun noch eine vierte hinzu, diejenige von Wojtek Wilczek, Claytec-Mann der ersten Stunde und heute selbständig im Bereich Denkmalpflege, Lehmputz und Stucksanierung. „Bei der Erstellung seiner Stuck-Schablone hat sich Wojtek an den vorgefundenen Formen orientiert, diese aber nicht eins zu eins kopiert, sondern er bringt, wie seine Vorgänger auch, eine eigene Handschrift ein“, erklärt Peter Overlack mit spürbarer Begeisterung für derlei kontinuierliche Fortführung Jahrhunderte alter Baukunst.

Historisches Fundstück: Hakenstein, der als Drehlager für die Zugbrücke diente.

Historisches Fundstück: Hakenstein, der als Drehlager für die Zugbrücke diente.

Die Sorgfalt und Liebe zum Detail, die Hausherr wie Bau-Spezialisten hier an den Tag legen beeindruckt. Der als privater Wohnbereich vorgesehene Teil des Schlosses steht mittlerweile kurz vor der Bezugsfertigkeit. Bis dieses denkmalpflegerische Mammutprojekt in Gänze fertiggestellt sein wird, werden sicherlich noch einige Jahre ins Land gehen. Dann jedoch wird es Leuchtturm-Charakter haben. Eine Trutzburg gegen die Schnelllebigkeit und, in seiner baulichen Metamorphose über viele Jahrhunderte immer das Beste der Zeit konservierend, ein standhaftes Bollwerk gegen Obsoleszenz in der Architektur. Letztlich ein lohnendes Investment, ganz so, wie von Peter Overlack in seiner Diplomarbeit beschrieben.

1 Kommentar

Martina

Ich bin gespannt, wie es aussieht, wenn es fertig ist. Ich hoffe es gibt dann ein Update? :)

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